Eine Woche in der Stille oder Einem Teebeutel beim Ziehen zusehen

Im März 2018 habe ich zum ersten Mal an einem einwöchigen Schweige-Retreat teilgenommen. Schon lange wollte ich mir eine stille Auszeit gönnen: mehrere Tage eine Pause davon, ständig vernetzt zu sein. Die Idee, mich komplett aus dem Alltag herauszulösen und mich mir selbst uneingeschränkt zuzuwenden, hat mich fasziniert.

Wie es dazu kam

So hat es sich gut ergeben, dass die Ausbildung zur Achtsamkeitslehrerin eine Schweigewoche vorgesehen hat. In diesem Fall war es das Retreat Präsenz verkörpern: Yoga und körperbasierte Meditation mit Anne Cushman, die in diesem Bereich als Pionierin gilt. Angereist aus den USA wurde sie von Lisa Baumann begleitet, die die Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche übernommen hat (auf ganz wunderbare, sehr geschliffene Art und Weise, die mich sehr beeindruckt hat!).

Stattgefunden hat das Retreat auf Gut Helmeringen in Lauingen in Bayern. Eine ganze Woche würde ich schweigend verbringen. Ich hatte ein Doppelzimmer zur Einzelnutzung, das von der Größe her eher einem Einzelzimmer entsprach und vom Komfort her spartanisch war. Es bot somit die beste Voraussetzung, sich die Woche über auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Ablauf

Die Tage hatten immer denselben zeitlichen Ablauf, den ich schnell verinnerlicht hatte. Hervorheben möchte ich die fantastische Art und Weise, wie Anne Cushman das Retreat geleitet und die unterschiedlichen Formen der Meditation miteinander verbunden hat. Es waren durch und durch stimmige Tage. Annes authentische und immer präsente Art jedem Einzelnen gegenüber hat mich sehr beeindruckt. Man fühlte sich „trotz“ der Stille, also mangels verbaler Kommunikation, immer wunderbar aufgehoben und nie allein gelassen.

In den abendlichen Teachings konnten Fragen gestellt werden, die der Tag aufgeworfen hatte, sowohl persönlicher als auch inhaltlicher Art. Unklarheiten, die einem auf der Seele brannten, konnten auch zwischen den Sessions mit Anne Cushman geklärt werden. Mir selbst war es wichtiger zuzuhören und in der Stille zu bleiben als Fragen zu stellen. Die Antworten kamen in der Regel irgendwann ganz von selbst.

Die Zeit davor

Dem Retreat war eine sehr stressige Zeit vorausgegangen, und auch an dem Tag, an dem das Retreat begonnen hat, war ein Vorbereiten auf die Stille nicht möglich; als Höhepunkt ging mittags noch die Batterie meines Autos kaputt, so dass ich recht abgehetzt auf Gut Helmeringen eingetroffen bin.

In der Vorstellungsrunde am ersten Abend zeigte sich, dass es den meisten Teilnehmern an diesem Tag ähnlich gegangen war: ich war nicht die Einzige, die sich nach Ruhe, nach Stille, nach Insichzurückziehen sehnte. Und so war es eine Genugtuung, als wir in einem Ritual unsere Smartphones abgaben, das Sprechen einstellten und in die Stille gingen.

Dem Lärm der Welt den Rücken kehren

Das Programm des ersten Tages begann mit Sitzmeditation um 07:30 Uhr, gefolgt von Gehmeditation und anschließendem Frühstück. Es war interessant zu beobachten, wie ich auf die Stille reagierte; es schien, als ob  Geist und Körper in den Widerstand gingen. Ich konnte bei Weitem nicht so still sitzen, wie ich es gerne gehabt hätte, und auch die Gedanken waren noch dominanter als am Vortag. Okay, einatmen, ausatmen, den Atem bewusst bis in das Becken spüren, sich verankern im Körper.

In der Mittagspause war ich hundemüde: ich habe zwei Stunden geschlafen. Irritiert, wie müde man vom Nichtstun sein kann, machte mir das bewusst, dass man doch sehr wohl aktiv ist, aber auf anderer Ebene: die Innenwelt arbeitete ganz intensiv und stellte sich mehr und mehr auf die Stille ein. In der Nachmittags-Session wurden die Gedanken weniger, und mein Atem schien mich immer mehr nach Innen zu tragen.

Am zweiten Tag war ich angekommen. Ich kannte den Ablauf und schätzte die zeitlichen Freiräume zwischen den Sessions. Ich begann, die Mittagszeit im Meditationsraum zu verbringen und zu schreiben. Die Verbindung von Stille mit dem leicht kratzenden Geräusch des Stifts auf dem Papier, mit der farbigen Tinte, die Buchstaben auf das Papier malte: Kommunikation mit einem inneren Teil von mir, der den Raum nutzte; den Raum ohne klingelndes Handy, ohne den Impuls, auf irgendetwas im Außen zu reagieren, ohne Ansprache, ohne Interaktion. Kein Zerren. Nur ich.

Am dritten Tag habe ich die Zeit fließen lassen. Die innere Uhr hatte den Ablauf soweit verinnerlicht, dass Momente nicht in Sekunden, Minuten und Stunden gemessen wurden, sondern im jetzigen Atemzug – dieser Moment. Ich war nicht mehr auf den Weg irgendwohin, sondern ich war einfach da. Angekommen.

Während der Mittagspause, nach dem Schreiben, bin ich in den Speisesaal gegangen und habe mich an die große Fensterfront gesetzt, von der aus man nach draußen in die Natur schauen konnte. Ich habe mir eine Tasse Tee gemacht und dem Teebeutel dabei zugesehen, wie er zieht; Fencheltee. Die leicht gelblichen Schwaden, die nach und nach in das umliegende Wasser waderten. Die Fenchelkerne, die mich an Kümmel erinnerten, nur heller. Der Duft. Wie die Schwaden dunkler wurden, wenn ich den Teebeutel bewegte. Der leichte Widerstand, wenn ich am Faden des Teebeutels zog.

Ich hatte noch nie einem Teebeutel beim Ziehen zugesehen und wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, das zu tun; zu wertvoll ist die Zeit im Alltag, um „einen Teebeutel zu beobachten“. Und doch war das der Moment, in dem ich das Gefühl hatte, vollkommen im Hier und Jetzt zu sein. Ich schmunzle noch heute darüber, wie etwas so Einfaches dieses tiefe Gefühl des Ankommens hervorrufen kann.

Yoga, Meditation in Bewegung

Wunderschön und auch sehr hilfreich war die Verbindung von Stillemeditation und sanftem, achtsamem Yoga. In den folgenden Tagen zeigte sich die Erfahrung der umfangreichen Yogastunden immer mehr in meinem Körper: am Montag wachte ich morgens auf und konnte den Raum zwischen meinen Schulterblättern spüren. Nicht, weil die Stelle wehtat oder ich sie aktiv berührte, sondern ich spürte das Leben darin. Am Dienstag wachte ich auf und konnte die Gelenke meiner Zehen spüren.

Immer intensiver wurde das Bewusstsein für den eigenen Körper, auch außerhalb der aktiven Stunden. Ich spürte Stellen, von denen ich wusste, dass sie da waren, die ich aber noch nie wirklich gespürt hatte. Und das machte mich neugierig: ich fragte mich, was da noch so alles sein mag, dem ich keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Neue Wege, neue Gedanken.

Ganz im Fluss

Zwischen Meditation, Yoga und Schreiben habe ich die Stille immer mehr genossen. Es war ein Sichtreibenlassen, die einzelnen Momente waren beinahe greifbar, so intensiv fühlten sie sich an. Es waren keine großen Dinge, die dieses Lebendigsein ausdrückten: es war die Bewusstheit, wie sich der Fuß bei Gehmeditation bewegt: wann er vom Boden abhebt, wie sich der ganze Fuß wölbt, wieder auf dem Boden ankommt. Das Getragenwerden. Das sicher Stehen. Wenn die Gedanken abgeschweift sind, habe ich die Ruhe mit einem Blick zum Himmel, einem Blick zur Erde wiedergefunden. Das funktioniert nach wie vor.

Zurück im Alltag

Der Übergang in den Alltag? Ich habe bewusster gesprochen, weil ich meine Stimme in meinem Körper habe schwingen spüren. Die Worte bewusster gewählt. Erst hineingespürt, bevor ich etwas in Worte gekleidet habe, manchmal auch einfach die Klappe gehalten (die Formulierung trifft es zu genau, um es umzuformulieren).

Anne Cushman hat während des Retreats gesagt, dass wir danach früher oder später wieder vollkommen in unserem Leben ankommen würden und wir uns fragen würden, wohin die innere Ruhe des Retreats verschwunden ist. Und dann würde es Momente geben, in denen sie ganz bewusst da ist, ganz intensiv, einfach so – diese innere Ruhe.

Das hat sich bewahrheitet. Ein Retreat ist eine ganz wunderbare, wohltuende Ausnahmesituation, die es im richtigen Leben in dieser Form nicht gibt. Was ich mit in den Alltag genommen habe, ist ein innerer Raum der Ruhe, der sich immer dann öffnet, wenn ich ihn brauche, in den ich hineinatmen kann und der mich aufnimmt. Und es wird immer Momente geben, in denen die Verbindung mit allem anderen so weit geht, dass ich an meine Grenzen komme – dann halte ich inne, atme tief in diesen Raum hinein, lächle, spüre meine Fußsohlen, blicke zum Himmel und zur Erde, und setze meinen Weg fort. Präsenz, meinen Körper bewegend, in dem mein Geist ruht.

Lärm der Stille

Der Weg durch das Retreat war nicht immer einfach. Dadurch, dass man sich nur mit sich selbst beschäftigt, wird man immer wieder auf sich selbst zurückgeworfen. Es gibt kaum Ablenkungen, und egal in welcher Gedankenschleife man sich befindet, man kommt immer wieder bei sich selber an – im Guten und im Schlechten. Das kann eine große Herausforderung sein. Es wäre ein Trugschluss zu denken, dass die Abwesenheit von allen äußeren Reizen mit Entspannung gleichzusetzen ist, denn man wird 24/7 mit sich selbst konfrontiert. Das kann angenehm sein, kann aber auch sehr unangenehm sein. Lehrreich ist es immer.

Résumée

Ich denke, ein Retreat ist nicht für jeden etwas. Mich hat es förmlich angezogen und mir hat es sehr gut getan. Bewusst sollte man sich darüber sein, dass der Übergang vom Retreat zurück in die „normale Welt“ aktiv gestaltet werden will und nicht einfach so „passiert“.

Nach einer Woche der Stille, in der man sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt hat, ist man sehr offen – man hat seine Schutzhülle der Außenwelt gegenüber abgelegt oder mindestens stark zurückgefahren. Dieser geschützte Raum des Retreats ist im regulären Alltag nicht vorhanden. Darum ist es wichtig, nach einem Retreat seine Schutzhülle wieder so herzustellen, wie der eigene Alltag sie erfordert. Mir haben entsprechende bildliche Meditationen geholfen, mich wieder sicher im Alltag einzufinden.

Langer Rede kurzer Sinn: für mich war das Retreat ein wahres Geschenk. Durch die Woche hindurch konnte ich meine Entwicklung förmlich beobachten. Ich hatte nicht die Erwartung, dass es einfach sein würde, und das war es auch nicht. Ich habe aber wertvolle Erfahrungen gemacht, die ich nur auf diese Weise machen konnte, und dafür bin ich dankbar.

Ich freue mich, dass Anne Cushman im August 2019 wieder nach Deutschland kommen und ein ähnliches Retreat leiten wird. Ich bin ganz sicher wieder dabei.